…anno 1767 im Spätsommer, mitten in der Erntezeit, weit nach Sonnenuntergang, in einem kleinen mittelhessischen Dorf, dessen eng geschachtelte Gehöfte zwischen Bachtal und Hügel geklemmt sind: durch das Dorf schallt die Feuerglocke.
Jeder Bauer, Nagelschmied und Besenmacher lässt liegen, was er gerade noch in der Hand hatte, greift sich Eimer, Schaufel, rutscht in die Pantinen und hastet im Laufschritt die Dorfstrasse zum Sammelpunkt. Ein Feuer ist Sache aller, zu schnell lecken hungrige Flammen auch am eigenen Hof. Man hat am brennenden Hof mitgebaut, vielleicht den Brunnen ausgeschachtet, vielleicht ist es auch der Hof des Vetters, der brennt – egal – es geht jeden an, und es ist dringend.
Romantisches Verklären einer Gebrüder-Grimm-Szene? Mitnichten. Genau das habe ich heute erlebt.
Nur ein paar Minuten, nachdem die Sirene durch unser 450-Seelen-Dorf schallte, sprinteten zu Fuss oder fuhren mit dem gerade zum Feierabend abgestellten Auto diejenigen die abendliche Dorfstrasse zum Gerätehaus, die sonst Elektriker sind, Angestellte bei der Stadt, Unternehmer, noch im Laufen die dunkelblaue Jacke überstreifend, den Helm unter die Achsel geklemmt.
In so einem kleinen Nest rücken scheinbar die sonst institutionalisierten Teile einer Gemeinschaft so eng zusammen, dass die Gemeinschaft eigentlich nur noch aus Schnittmengen besteht. Und aus gegenseitigem Verantwortungsgefühl, das so selbstverständlich daherkommt, dass sich die meisten ob der Erwähnung peinlich berührt fühlen würden.
Bevor wir 2007 in unser Häuschen eingezogen sind, gab es darin auch ein Feuer. Auch für unser Zuhause hat es solche Sprints gegeben, und Nachbarn, die noch immer Nachbarn sind, auch wenn sie plötzlich in ganz anderer Funktion erscheinen.
Ich habe lange genug in Berlin gewohnt, um zu wissen wie weit weg solche Ernstfälle vom eigenen Leben sind – solange es einen nicht selbst betrifft – so weit weg, dass die innere Distanz selbst dann noch da ist, wenn man fasziniert vor einem brennenden Haus zwei Strassenzüge weiter steht und im Leben nicht darauf kommt, dass es so etwas wie eine innere Zuständigkeit für den Nachbarn gibt.
Das Delegieren von Verantwortung ist in unserer hierarchisch geordneten Gesellschaft komischerweise zwingend verbunden mit der Entfremdung, mit einem “ich-muss-mich-nicht-mehr-drum-kümmern”, der eigene Bauch und der Horizont der eigenen vier Wände bestimmt die Grenzen des Wir.
Wen wundert dann noch Politikverdrossenheit, die Entfernung der Legislative vom “Volk”, wen erstaunen dann noch wirtschaftliche Schieflagen? Um ehrlich zu sein: die Verantwortung an die Zuständigen haben wir doch selbst delegiert?
Und die Arme verschränkt, uns umgedreht und gemeint “die machen das schon”.
Wir selber sind verantwortlich dafür, dass Politik so weit weg von uns geschieht und scheinbar mit uns nichts mehr zu tun hat, “die Politiker” sind längst abstrakte Gestalten in unseren Köpfen geworden, genau wie der Klischee-Feuerwehrmann aus dem Bilderbuch des fünfjährigen Sprösslings.
Ich weiß, wer damals unser Haus gelöscht hat, und ich habe mich heute daran erinnert, dass Zuständigsein eine Sache der eigenen Entscheidung ist. Vielleicht gehe ich in dreieinhalb Wochen ja doch wählen…