Hier bei mir, gleich hinter dem Haus, beginnt auch ein Zuhause einiger Wesen, die wohl bislang schon einigen Wanderern seltsame Waldaufenthalte beschert haben dürften. Ich liebe dieses Stückchen Wildwald, er ist seit Jahrzehnten unbewirtschaftet, weil schwer zugänglich, Hügelgräber, Klüfte und Reste eines alten Ringwalles, uralte Weißdornbäume, armdicke Lianen aus Waldrebe und Geißblatt, so alte Kiefern, daß bereits der Stammumfang Ehrfurcht einflößt und dazwischen immer wieder ein Knacksen, Rascheln, seltsame Lichter, das Plätschern eines winzigen Wasserlaufs…
In meiner Kinderzeit hatte ich einen Sauerkirschbaum, mit dem ich ellenlange Gespräche geführt hatte. Der alte Apfelbaum im Vorgarten hat mir auch ganz selbstverständlich erlaubt, auf ihm herumzuklettern, weshalb meine Oma mir das verboten hatte, konnte ich mir damals nicht erklären. Hatte sie dem Baum denn nicht zugehört? bei den beiden Fliedersträuchern rechts und links des Eingangs war ich mir sicher, daß sie fiese Trolle beherbergen, ich mochte die beiden nie besonders.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann das aufgehört hat.
Wohl, als ich mit 18 in städtisches Umfeld gezogen bin und die Straßenbäume nicht mehr hören konnte.
Wirklich Angst vor eigentlich “nichts” habe ich erst wieder Anfang der Neunziger bekommen, als ich (wie zu der Zeit regelmäßig) meinen Winterurlaub auf der Insel Hiddensee verbrachte und in einem Anfall euphorischen Willkommenseins bei der Ankunft an einem sehr dunklen, kalten und windigen Januarabend im Stockfinstern die Ostsee begrüßen wollte. Ich stand in der Schwärze am Strand und war mir plötzlich sicher, daß das Kieselklappern und das Knarren der trockengefrorenen Sanddornsträucher garantierte Beweise der Anwesenheit ziemlich unbeherrschbarer Nachtwesen waren. Ich nahm schleunigst Reißaus.
Ähnliches ist mir seither noch zweimal passiert, einmal, genau ein Jahr später, wieder auf Hiddensee, als mich ein Schwarm Krähen, die ein Holundergesträuch auf einem Hügel bewachten, postwendend mitten in Hitchcocks “Vögel” hineinkatapultierte und 2003 in Irland, als ich es schaffte, mich in einem gerademal zwei fussballfeldergroßem Waldstück fast komplett zu verlaufen.
Psychologisch erklären kann man das sicher. Will ich aber gar nicht. Für mich ist dise Art Wahrnehmung ein weiterer Sinn, der mich auf Dinge hinweist, die meinen anderes Sinnen verborgen bleiben. Ich will nichtmal definieren, was genau da nun ist, aber für mich sind solche Fleckchen Erde Grenzbereiche, an denen sich Welten überschneiden und ich – wenn ich das wirklich will und aushalte – andere Wirklichkeiten betrete. Die gewohnte Welt gerät ins Wanken, vielleicht macht das Angst. Vielleicht erinnert es aber auch an die Zeit, in der die Welt noch magisch war und Kirschbäume Geschichten erzählten.
Wunderschön geschrieben. Kommt mir sehr bekannt vor. Ich hab nur leider nicht das Talent die angemessenen Worte für diese Wahrnehmungen zu finden.