Anstandslos

Ich habe lange überlegt, ob ich zum dem medienrelevanten Thema der letzten Wochen – einem kleingeistigen Bundespräsidenten, der den Kleingeist der Deutschen auf fast obszöne Art und Weise repräsentiert – überhaupt noch etwas schreiben sollte, die Gedanken sortieren und in eine greifbare Form giessen, jedes Mal überkam mich so eine Art bleierne Müdigkeit. Ein Unwillen, überhaupt noch zu denken, der irgendwie unwiderstehliche Drang, mich gähnend und abwinkend in die gleiche Mittelmässigkeit und Wahllosigkeit (in mehrfacher Hinsicht) fallen zu lassen wie die Mehrheit der mich umgebenden Leute in dem, was ich Alltag nenne.

Bis mir heute – beim Lesen von Michael Sprengs Blog – auffiel, dass ich das so schonmal erlebt hatte. Das ist jetzt reichliche 23 Jahre her, die politischen Feindbilder waren manifest, die Meinungsschizophrenie beim Volk ebenso – und was danach kam, war das würdelose Sterben der nackt und alt und faltig an der Herz-Lungen-Maschine hängenden DDR.

In der DDR waren es nicht die Charakterköpfe und Eckigen, die im kleinbürgerlich-sozialistischen Mief überlebt haben, es waren die Angepassten, die Formlosen und die Opportunisten, die sich mit dem Schmier der Beliebigkeit eingerieben haben und durch alle Engpässe geglitten sind, die Unauffälligen eben.
Die ehemalige Agitprop-Sekretärin aus der Uckermark mag vielleicht dröge sein, aber das ist unwichtig. Sie hat so überleben gelernt.

Sie hat ihr Politbüro und ihren hermetischen Kreis von Entscheidern, ihre fast gleichgeschalteten Hofberichterstatter, ihre längst aufgeweichten Grenzen in Bezug auf Verfassungstreue (ich erinnere an ihren unbemerkt gebliebenen heftigen Ausrutscher – sie wäre „nicht dem Pöbel verpflichtet, sondern dem Gesetz“ – bei ihrer Rede vor dem Bundestag kurz nach den gewaltsamen S21-Protesten) und die sichere Gewissheit darüber, dass Funktionäre (auch ihre selbstgemachten) alles mögliche sind, nur nicht ernstzunehmen. Da dem Funktionär schon per Definition der Realtätsverlust inhärent ist. Beliebtheitswerte sind Merkel egal, das waren sie auch in der DDR, das System hat trotz (und/ oder gerade wegen) der Verachtung funktioniert, die die Regierenden auf sich zogen.

Dass Inhalt und Form schon per se zwei völlig verschiedene Dinge sind, die nicht zwingend miteinander zu tun haben müssen, ist ein Grundprinzip der DDR-Regierenden im Endstadium gewesen – und ist es auch jetzt. Merkel passt da ganz wunderbar hinein und wirkt auf mich wie das Echo auf die letzten Tage der DDR, als viele das Erscheinen von Krenz und Modrow auf der politischen Bühne nach der Honecker-Ära schon als Lichtstreif am Horizont gedeutet hatten.
Dass die Parallelen heute so erschreckend deutlich und zahlreich sind, macht mir im Grunde viel mehr Sorgen.

Wenn die Sonne des Geistes tief steht, werfen eben selbst Zwerge lange Schatten.

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